Das Jahr 2006 – Robert Krauss und Markus Zander sind in Whistler im Bikeurlaub. Der Stand damaliger Technik lässt sie grübeln… geht da nicht mehr? Leidenschaft, Roberts technischer Hintergrund aus seinem Maschinenbaustudium und nicht zuletzt ein paar Bierchen ließen die Idee sprießen, eine eigene Bikemarke zu gründen. Doch es dauerte noch knapp zwei Jahre bis 2008 aus der Idee Wirklichkeit wurde. Propain startete sprichwörtlich als Garagenfirma und verkaufte die ersten Bikes erst einmal im Freundeskreis. Den Startschuss machte das Rage Downhillbike. Zwischenzeitlich erfolgte der Umzug in David Assfalgs Radladen, in welchem die Bikes angeboten wurden. Markus Zander stieg bei Propain aus um sich auf seine Marke Sixpack zu konzentrieren. An der Seite von Robert Krauss wurde nun David Assfalg neuer Geschäftsführer bei Propain. 2012 – ein spannendes Jahr. Die Propain Bicycles GmbH wurde gegründet und man wechselte zum Direktvertrieb. Der Erfolg begann. Doch wodurch wurde man zu einer erfolgreichen Marke? Nebst attraktiver Preise erkannte man das Bedürfnis der Kunden nach individualisierten Bikes – und so ist es bis heute. Farben von Rahmen und Decals können ausgewählt, und Komponenten zusammengestellt werden. So bekommt seit je her jeder Käufer „sein“ Bike, ohne im Nachhinein im Übermaß Teile auf seine Bedürfnisse anpassen zu müssen. Nicht zuletzt hat das Propain Friends Programm dafür gesorgt, dass nicht nur am heimischen Bodensee Propain Bikes getestet werden konnten. Daraus resultierte ziemlich bald eine enorme Community und die Marke wuchs (be-)ständig. Der Garagenfirma ist man unlängst entwachsen. Die inzwischen eigenen Geschäftsräume befinden sich in Vogt. Treu geblieben ist man der Nähe zum Bodensee – und dem Rage Downhillbike. Seit 2016 in Carbon, seit diesem Jahr mit 29″ Laufrädern. Ein Grund für uns, ein Propain Rage Carbon aufzubauen und für euch zu testen.

Bereits letztes Jahr haben wir euch unsere Testplattform des Propain Rage Carbon vorgestellt. Nun ist es an der Zeit ein Resümee zu ziehen. In diesem Artikel beziehen wir uns in erster Linie auf den Rahmen. Einzeltests über weitere Komponenten werden folgen.

Propain Rage CarbonDas Propain Rage Carbon

Eine Frage der Größe? Vor dem Test standen wir vor der Frage, für welche Rahmengröße wir uns entscheiden sollen. Das RAGE CF MIT 27,5″ Chassis gibt es in zwei Größen. Der Käufer kann zwischen S/M und L/XL auswählen. Bei 1,78 m Körpergröße steht man bei den meisten Herstellern zwischen Medium und Large. So auch beim Propain Rage Carbon.

Wir entschieden uns zuerst für einen Rahmen in Größe S/M. Nach den ersten Testfahrten entschieden wir uns jedoch kurzerhand eine Option auf den größeren Rahmen zu ziehen.

Warum das? Das Rage Carbon verfügt über eine Möglichkeit die Geometrie über zwei verschiedene Steuersatzschalen anzupassen. Neben dem Radstand werden dadurch die Maße von Reach, Stack und der Oberrohrlänge beeinflusst. Die Wahl zu S/M hätte uns, bezogen auf die Körpergröße, kaum ermöglicht mit der Länge zu spielen. Das RAGE hätte stets in der Einstellung „+10 mm“ gefahren werden müssen um einen halbwegs passenden Reach von 431 mm zu nutzen. Die mittlere und kurze Einstellung mit Reach-Werten von 411 mm und 421 mm wären gemessen an 1,78 m Fahrergröße zu kompakt gewesen. Die Vorliebe für minimal „zu lange“ Bikes und die Möglichkeit mit den Einstellungen zu variieren ließen uns den größeren Rahmen wählen. Reach 441 mm, 451 mm, 461 mm klang weitaus passender. Neben diesen Parametern lässt sich beim Rage die Kettenstrebenlänge variieren. Neben nicht kurzen 445 mm können durch Umdrehen, bzw. Austauschen der Chips in den Ausfallenden enorme 459 mm realisiert werden.

Die Verarbeitung

Das 2.199 € teure Rahmenset besteht aus einem Carbon Hauptrahmen, gepaart mit einem Hinterbau aus dem gleichen Material. Verbunden sind die beiden Elemente über zwei Hebel aus Aluminium, wie auch die Einlegeschalen für die Reach Verstellung. Die Verarbeitung empfanden wir an jedem Punkt des Rades als sehr gut. Nachdem wir zum Reinigen während der Testzeit einzelne Lagerpunkte geöffnet hatten, glitten diese bei der erneuten Montage exakt ineinander. Dies ist ein Zeichen für passende Maßhaltigkeit. Top!

Auch die Qualität der silbernen Lackierung kann sich durchaus sehen lassen. Neben den üblichen kleinen Kratzern konnten wir nur an einer Stelle etwas unschöne Macken ausmachen – aber gut – bei direktem Kontakt mit einem dicken Felsen ist dies völlig normal.

Kratzer nach Kontakt mit einem Felsen – nicht wirklich ungewöhnlich.

Die Züge des Rage Carbon werden im Inneren des Hauptrahmens geführt. Am Eintritt, neben dem Steurrohr, werden diese durch eine Kombination aus Anschlagdämpfer für die Doppelbrückengabel und Zugfixierung verlegt.

Die Zugeinführungen sind gleichzeitig die Anschläge für Doppelbrückengabeln.

Kurz oberhalb des Tretlagers am Unterrohr erscheinen die Züge wieder am Tageslicht. Dort ist eine Klemmung mittels Klemmprofil aus Aluminium vorgesehen. Dieses sorgt dafür, dass die Züge klapperfrei im Rahmen gespannt sind. Eine Wohltat für die Ohren.

Hier kommen die Züge wieder ans Tageslicht. Gut gespannt bleibt der Rahmen klapperfrei.

Der Kettenstrebenschutz gehört nicht zu den Aufwändigsten, wenn man sich die Rahmen anderer Premium-Hersteller anschaut. Dennoch gab es nichts zu meckern – das Geräuschniveau durch die anschlagende Kette hielt sich völlig im Rahmen.

Der Kettenstrebenschutz ist wirkungsvoll.

Das Propain Rage Carbon auf dem Track

Wir probierten während der Testzeit einige Einstellungen aus. Langer Reach, kurzer Reach, Kettenstreben lang, Kettenstreben kurz. Wir hätten selbst nicht gedacht, dass unser Testfahrer mit 1,78 m Körpergröße am besten mit der längsten Einstellung zurecht kommt, und so blieben wir nach einiger Probiererei bei diesem Setup stehen.

Für unseren Testfahrer mit 1,78 m war diese Kombination aus 461 mm Reach bei einem Stack von 612 mm in Kombination mit 445 mm langen Kettenstreben ideal. Unser weiterer Testfahrer mit einer Größe von 1,86 m empfand das Rage in der langen Einstellung noch immer als kompakt.

Rahmengröße L/XL mit langem Reach

Welchen Vorteil bot dieses Setup?

Der lange Hauptrahmen ermöglicht es dem Fahrer eine zentrale Position „im Rad“ einzunehmen. So platziert verfügt man über genug Spielraum, um mit dem Körperschwerpunkt agieren zu können.  Ist ein Bike zu kurz, finden man sich für gewöhnlich hoch über dem Rad, oder gar weit ins Heck verlagert wieder. Wie ging das mit den alten Old-School Geometrien? Keine Ahnung, aber wir möchten es auch nicht wieder probieren. Der Reach von 461 mm ließ schnelle, technische Passagen den Schrecken verlieren und Selbstvertrauen gewinnen. Der zentrale Schwerpunkt sorgte für ausgewogene Traktion in offenen Kurven. Unterstützt haben dabei die 445 mm langen Kettenstreben, welche noch immer einen verspielten Fahrstil ermöglichten.

Wer hauptsächlich mit Highspeed über Rennstrecken ballert, wird sicher mit den Kettenstreben in der langen 459 mm Einstellung glücklich. Für unsere heimischen Strecken und Bikeparks, wie den in Lac Blanc, fanden wir das zu viel.

Propain Rage Carbon
Das Propain Rage Carbon benötigt wenig Eingewöhnung

Generell empfanden wir das Propain Rage Carbon als unkompliziertes Bike, an welches man sich nicht lange gewöhnen muss. Draufsetzen, wohlfühlen.

Propain Rage CarbonDer FAST Holy Grail Stahlfeder-Dämpfer im Rage Carbon machte generell einen sehr guten Job. Mit diesem Teil ausgestattet, arbeitet der Hinterbau sehr sensibel und saugt Unebenheiten förmlich auf. Es gab wenige Situationen, in denen der Dämpfer an seine Grenzen stieß. Mit der Lowspeed Druckstufe ließ sich die Federung soweit bändigen, dass der Rahmen in Anliegern nicht durchsackte und eine ordentliche Plattform zur Verfügung stellte. Auch die Highspeed Druckstufe machte einen guten Job. Harte Einschläge des Hinterbaus ließen sich sehr gut bedämpfen, sodass das Rage am Heck sehr effektiv arbeitet und das Ende des Federwegs nahezu selten abzusehen ist.

Der FAST Holy Grail – eine schöne Alternative gegenüber Altbewährtem. Allerdings muss der Versteller für die Highspeed Druckstufe demontiert werden – das nervte.

Leider sind Rahmen und Dämpfer nur bedingt kompatibel, denn die Verstellschraube für die Highspeed Druckstufe musste demontiert werden damit es passt. Der Dämpfer muss für jede Druckstufenverstellung aus dem Rahmen genommen werden. Das nervt. Allerdings bietet Propain die Kombination auch nicht im Shop an, also haben wir nichts zu beanstanden.

In der Luft vermittelt das Propain Rage Carbon viel Selbstvertrauen. Einzig allein die schwere Kombination aus Hope Tech DH Laufrädern und den Onza Aquila DH-Reifen bremste uns bei Flugmanövern vom einen in den anderen Anlieger ein wenig aus. Der Hinterbau steckt auch verpatze Landungen gut weg, sodass man nach dem Motto „Who Cares?“ ordentlich laufen lassen kann.

Die Komponenten

Give me HOPE Joanna

Gewöhnungsbedürftig fanden wir einzelne Komponenten von Hope. Der Lenker ist ein optisches Meisterwerk, passte aber nicht wirklich zu den Vorlieben des Testers. Ist man Lenker mit rund 4-5° Upsweep gewohnt, fühlen sich die 7° des Hope Produkts fremd an. Vibrationen und Stöße vom Untergrund wurden in einem ungewohnten Winkel in die Arme geleitet, sodass sich die Unterarmmuskulatur schnell überfordert fühlte. Sicher eine Frage der Gewöhnung. Die Lenkerbreite von 780 mm ist sicher nicht zu kurz, aber 800 mm mit der Option zu kürzen würde unserer Meinung nach besser zu einem Lenker dieser Gattung passen.

Propain Rage Carbon
Den Lenker fanden wir gewöhnungsbedürftig

Optisch ebenfalls ein Hochgenuss sind die Hope Tech3 V4 Bremsen. Diese brauchen in jedem Fall mehr als einen Tag Bikepark um Gewöhnung zu finden. Einstellbarkeit und Qualität befinden sich auf allerhöchstem Niveau, jedoch könnte die Bremse ein Quäntchen mehr Bremskraft bestens vertragen.

Einen weiteren Kritikpunkt müssen wir an Hope abgeben: Wieso müssen die Tech DH Laufräder (bereits im Einzeltest) so schwer sein? Fast 2,3 Kg für einen Laufradsatz sind deutlich über dem was heute für nicht zu viel Geld möglich ist.  Für rund 400 € bekommt man allerdings einen superstabilen Laufradsatz, welcher über ordentliche Steifigkeit verfügt und ein treuer Partner ist, wenn es nicht um Sekunden im Renneinsatz geht. Zusammen mit den Onza Aquila Reifen (pro Stück 1,35 Kg), den 203 mm Hope Scheiben und der GX-DH Kassette kam das Systemgewicht der Laufräder auf recht unsportliche 5,75 Kg! Wir fuhren die Laufräder tubeless, obwohl die Reifen dafür offiziell nicht ausgelegt sind.

FOX 40 Elite Performance

Die 40 Elite Performance funktionierte durch die Bank weg gut. Im Ansprechverhalten steht sie ihrem großen Bruder aus der Factory Serie mit jeweils Low- und Highspeed- Druck-, wie Zugstufe um nichts nach. Mit vier verbauten Token steht sie gut im Federweg, ohne an langsam gefahrenen Stufen durchzusacken. Die einstellbare Lowspeed Druckstufe hat einen sehr weiten Verstellbereich, womit sie gut auf Fahrer und Strecke angepasst werden kann.

Propain Rage CarbonDie Gabel erlaubt es, selbstbewusst und zielstrebig ans Werk zu gehen und ist selten das Nadelöhr. Meist ist der Fahrer selbst derjenige, der die Grenze erreicht hat.

Wer das Letzte aus der „40“ herauskitzeln möchte und über schnelle Zeiten im Rennmodus nachdenkt, der wird allerdings die Highspeed Druckstufe der Factory Serie vermissen.

Für uns ist die Gabel eine sehr gute Alternative zu der teuren Serie, wobei sie so leider nicht mehr im Aftermarket erhältlich ist. Der direkte Nachfolger der 40 Elite Performance ist die Marzocchi Bomber 58, welche mit Grip Dämpfung erhältlich ist.

SRAM GX DH

Die günstigere Downhillgruppe aus dem Hause SRAM werden wir noch in einem separaten Bericht unter die Lupe nehmen. Sei vorab soviel gesagt, dass die Funktion und Haltbarkeit bis heute nicht enttäuscht haben. Für uns ist sie eine sehr sinnvolle Alternative zur teuren X01 DH Gruppe.

77designz Free Solo

Nicht wirklich erstaunt sind wir über die gute Funktion der 77designz Kettenführung. Die Verwendung des Minimalproduktes am Downhillbike ist eher ungewöhnlich, jedoch hatten wir zu keiner Zeit mit Kettenabwürfen oder ähnlichem zu kämpfen. Für nahezu kein Gewicht ist die Führung eine gute Alternative zu Full-Size Kettenführungen, erst recht wenn man Narrow-Wide Kettenblätter nutzt.

Propain Rage Carbon

Fazit

Das Propain Rage Carbon ist für uns ein sehr universelles Downhillbike, welches Racern und Bikeparknutzern gleichermaßen zu Spaß und einer guten Zeit verhilft. Der Rahmen macht einen sehr hochwertigen Eindruck, obwohl er mit 2.199 € eher zu den „günstigen“ Alternativen gehört. Sicherheit und Schluckfreudigkeit bietet das Rage wenn es mal ordentlich zur Sache geht. Dabei entpuppt es sich als geräuscharm, was den im inneren verspannten Leitungen und dem effektiven Kettenstrebenschutz zuzuschreiben ist. Das Rage ist ein Gerät fürs Grobe, ohne dabei den spielerischen Charakter einzubüßen.

Propains Größenkonzept gefällt uns prinzipiell sehr gut. Allerdings finden wir es nicht so gelungen, dass man sich bei 1,78 m Körpergröße, nahe am Durchschnitt, eben doch zwischen S/M und L/XL entscheiden mussten. Ein Rahmen der M und L abdeckt wäre für viele Käufer sicher passender.

Großartig finden wir die Individualisierungsmöglichkeiten über drei verschiedene Rahmenfarben und Decals. Auch optisch weiß das Rage Carbon zu überzeugen.


Text und Fotos: Thorsten Illhardt

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