In unserer neuen Rubrik Typen, stellen wir euch Menschen vor, die auf unterschiedlichste Weise in der Bikewelt unterwegs sind. Dabei werden wir verschiedene Facetten unseres Bikekosmos abdecken, egal ob es nun Rennfahrer, Ingenieure, CEOs oder einfach nur bekannte Mountainbiker sind. Uns interessiert, wie die Person zur Bikebranche gekommen ist, was sie dort macht und natürlich welches Fahrrad die- oder derjenige fährt. Den Anfang machen wir mit einem echten Original – Jürgen Schlender, seines Zeichen Kapitän der Alutech Cycles Kogge.

Name Jürgen Schlender
Alter 57
Geburtsort Berlin
Familienstand In wilder Ehe seit 25 Jahren, 2 Mädchen (Zwillinge)

 

Jürgen Schlender erblickte 1961 in Berlin das Licht der Welt. Da er nach eigenen Angaben zu faul war um sein Abitur auf dem Gymnasium zu machen, beendete er seine Schulkarriere mit der mittleren Reife. Soweit nichts Ungewöhnliches. Spannend ist aber die Tatsache, dass „Jü“ auf mehr oder weniger sanften Druck seines Vaters (er war selbst Schneider), eine Schneiderlehre für „Damenoberbekleidung Industrie“ als einziger Junge neben 48 Mädchen begann und mit Auszeichnung bereits nach 2,5 Jahren abschloss. Nach der Ausbildung arbeitete er auch noch einige Zeit als Schneider für die Firma Erle ZF, die unter anderem Jil Sander und Joop zu ihren Kunden zählte.

Jürgen Schlender
Bei einer gemeinsamen Tour und dem obligatorischen Cappuccino stand uns Jü Rede und Antwort

Während dieser Zeit war Jü zwar bereits viel auf zwei Rädern unterwegs, aber mehr auf Motorrädern und Rennrädern.

Animiert durch Freunde, die in der Automobilbranche gutes Geld verdienten, eröffnete Jürgen 1988 zusammen mit einem Kumpel einen Autohandel. Er konnte damals schon sein großes Talent als Schrauber einbringen und so war der Umstieg in diese Branche ziemlich erfolgreich. Dennoch wuchs das Interesse an Fahrrädern in ihm und er überlegte sogar, sich mit einem Onlinehandel für Fahrradteile selbstständig zu machen. Nun ja, es mangelte ihm an den berühmten cojónes, wie er offen zugab.

Zu den Dolomiten – im speziellen zur Fanes Hochebene – pflegt Jü eine intensive Beziehung

Ein schicksalhafter Besuch seiner Schwester und seines Neffen sollte dann aber eine entscheidende Rolle in seinem Leben spielen. Denn die beiden hatten ein Mountainbike im Gepäck und so kam er 1989 das erste Mal so richtig mit dem neumodischen Gefährt in Berührung. Zu einer ähnlichen Zeit brachte auch ein Freund seinerseits ein solches Bike aus den USA mit. Nach einer ersten Tour mit solch einem Gefährt inklusive Zelten war er von der Technik und dem Erlebnis begeistert und der Entschluss stand fest – ein Mountainbike muss her! Und so zog er los, um sich in einem Laden in Kiel ein Mount Snow von Fuji zu kaufen. Ausschlaggebend dafür war schlichtweg die sehr gute Beratung.

Die Entwicklung in der MTB-Welt schritt Anfang der 90er schnell voran und die ersten Federgabeln und Fullies kamen auf den Markt. Allerdings wollte er sich diese nicht leisten, da ihm das Marktangebot damals nicht gefiel. Und so reifte in Jü der Entschluss, ein eigenes Mountainbike zu konzipieren.  Daraufhin stellte er innerhalb weniger Wochen sein erstes eigenes geländegängiges Mountainbike auf die Räder und fuhr zum ersten Bikefestival an den Gardasee. Das „Coole Rufus“, wie er es taufte, war ein Fully und weckte nicht zuletzt wegen des lustigen Markennamens „by Sauerkraut“ viel Interesse bei den Festivalbesuchern. Einer unter diesen Interessenten war niemand geringeres als Peter Denk (damals Hot Chilli) der ihm einige nützliche Tipps mit auf den Weg gab.

Jürgen Schlender
Jü (links) auf der Eurobike vor vielen Jahren (Quelle: Jürgen Schlender)

Eine weitere lustige Anekdote von Jürgen ist die, wie er sein Votec Tox individualisiert hat. Das Unterrohr des Hardtails erinnerte ihn stark an eine Bierdose, woraufhin er kurzentschlossen vier Bierdosen kaufte und diese fachmännisch an eben jenes Unterrohr montierte. Dieses Feintuning brachte ihm dann seinen ersten Eintrag in der Bike Zeitschrift.

Wie kam Jürgen dann zum Downhillsport?

Während eines Trips nach Kalifornien, eigentlich um nach Autos zu schauen, ging er in einen Bike Shop, um sich Handschuhe zu kaufen. Und wie es manchmal so läuft, hat er sich in das Intense M1 von Shaun Palmer verliebt. Und statt der Handschuhe kaufte er kurzentschlossen ein M1 von Intense. Mit diesem M1 fuhr er dann im zarten Alter von 35 Jahren seine ersten Downhill- Rennen und feierte schnell erste Erfolge. Seinen ersten Sieg konnte er bei einem Rennen in Teterow zelebrieren, welches Sebastian Maag – heutiger Marketingchef für Deutschland/ Österreich/ Schweiz bei Specialized – organisierte. Angespornt durch diesen Erfolg und der vielen Schulterklopfer fand Jü den Weg in die Downhill Bundesliga. Leider ging das M1 nach nicht allzu langer Zeit kaputt. Intense ließ sich aber nicht lumpen und er bekam ein neues M1 in der World Cup Sonderlackierung. Aber auch daran sollte er leider nicht allzu lange Freude haben, denn es wurde ihm nach gerade Mal vier Wochen in Riva geklaut und es war trotz spektakulärer und nervenaufreibender Verfolgungsjagd weg.

Auf jedes Dippche passt ein Deckelche

Manchmal spielt der Zufall oder aber auch das Schicksal eine große Rolle im Leben. Nachdem Jü einige Wochen zuvor Alutech Cycles ohne jegliche Hintergedanken besuchte, bekam er einen Anruf von einem Freund. Dieser erzählte ihm, dass der Gründer von Alutech Cycles seine Firma verkaufen möchte. Jü, der schon etwas länger darüber nachdachte, den Autohandel an den Nagel zu hängen, entschied sich von heute auf morgen, Alutech zu kaufen. Zunächst führte er die bestehenden Modelle einfach weiter. Seine erste eigene Entwicklung war ein Downhill Bike mit dem Namen Kuh, gefolgt von einem weiteren Big Bike, dem Keiler.

Eine weitere schicksalhafte Begegnung hauchte Alutech Cycles neuen Wind in die Segel. Bei einem Besuch in Taiwan lernte Jürgen Stefan Stark kennen. Beide merkten, dass die Chemie untereinander stimmte und so wuchs die Idee, zusammen etwas Neues zu entwickeln: ein Bike mit 170 mm Federweg. Gut zu pedalieren sollte es sein, garniert mit einer ausbalancierten Geometrie. Jetzt brauchte das Kind nur noch einen Namen. Dieser kam Jürgen bei einem Dolomitencross, den er mit einem der ersten Prototypen absolvierte. Begeistert von der Fanes Hochebene taufte er das neue Bike kurzerhand „Fanes“. Der sogenannte STS-Hinterbau – Entwickler und Namensgeber ist Stefan Stark – sollte dabei eine zentrale Rolle im neuen Corporate Design spielen. Seit die erste Fanes 2010 das Licht der Welt erblickte, und die neuen Bikes seitdem keine Tiernamen mehr bekamen, wird der Hinterbau bei allen neuen Modellen, wie der Sennes, Tofane oder Teibun verwendet.

Seit Januar 2019 gibt es Alutech Cycles 27 Jahre und davon 17 Jahre unter Jürgens Kommando – Chapeau. Und der neueste Spross, das Fanes 6.0 zeigt, dass wir auch zukünftig noch einiges von Jü und seiner Alutech Kogge erwarten können.


Text und Redaktion: Philipp Kargel
Fotos: Jakub Reichhart, Jürgen Schlender

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