Reifeneinlagen sind seit geraumer Zeit in aller Munde. Doch was bewirken sie eigentlich? Wer braucht sowas? Braucht man die kleinen Helfer, die sich im Reifen verstecken überhaupt? Aus gegebenem Anlass, eine durchaus interessante Frage.

Während ich mal wieder eine neue Felge für mein Hinterrad einspeiche und mich mit jeder viertel Umdrehung des Speichennippels dem gewünschten Rundlauf nähere, lasse ich meine Gedanken schweifen. Eine Carbonfelge wäre jetzt verdammt teuer gewesen…
Wieso mache ich das gerade? Richtig! Mal wieder eine Landung verpatzt und offensichtlich zu wenig Luftdruck gefahren. Das Resultat war ein deutlich vernehmbares, akustisches Signal meiner Hinterradfelge und damit verbundener Deformation. Luft raus, Schlauch rein…

Warum schreibe ich dass alles, wenn ich doch einfach nur mehr Luftdruck fahren müsste? Problem gelöst! Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht. Mehr Luftdruck bedeutet weniger Auflagefläche für den Reifen und daraus resultierend weniger Bodenhaftung. Hier kommen die Reifeneinlagen, auf Neudeutsch auch gerne Tire Insert genannt, ins Spiel. Sie fungieren als Puffer zwischen der harten Realität des Trails (Steine und Wurzeln) und den Felgen und sollen Dellen oder gar Brüche verhindern. Zusätzlich machen sie es möglich, mit weniger Reifendruck zu fahren, um dadurch die Bodenhaftung zu vergrößern. Ist die Luft doch mal komplett raus, sorgen sie für Notlaufeigenschaften, die es dem Fahrer ermöglichen sollen eine Wertungsprüfung bei einem Rennen zu beenden oder ganz simpel nach Hause zu kommen.
Für den ambitionierten Fahrer, wenn auch nicht unbedingt Rennfahrer, klingt das sehr verlockend.

Die Gewichte

Der erste offensichtliche Nachteil ist das Gewicht. So kommen schnell je nach Modell bis zu 230 zusätzliche Gramm in einen Reifen, was nicht unbedingt jedem gefallen wird. Die nächst einfachere Lösung wäre ein Reifen mit dickerer Karkasse. Zum Glück haben wir beides.
Als Basis dient uns der Specialized Butcher (29 x 2,3) mit der Grid Karkasse, den wir mit einem Tire Insert bestückt haben. Für eine gute Vergleichbarkeit haben wir einen Specialized Butcher (29 x 2,3) mit dicker BLCK DMND Karkasse für den Test herangezogen. Interessanterweise gab es gewichtstechnisch keinen signifikanten Unterschied zwischen leichten Reifen mit Einlage und dem verstärkten Reifen.

Specialized Butcher Grid (29×2,3), 935 Gramm
Vittoria Airliner, 229 Gramm

Specialized Butcher BLCK DMND (29×2,3), 1181 Gramm
Butcher + Airliner, 1164 Gramm

Aus Gewichtsgründen gibt es auf den ersten Blick keinen Grund die zusätzlichen Kosten für eine Reifeneinlage in Kauf zu nehmen. Also schauen wir uns zunächst die Montage an. Danach kommen wir zu den Fahreigenschaften und dem tatsächlichen Grund des Tests. Als notorischer Felgenzerstörer ist mir die Sicherheit ohnehin einiges wichtiger als das Gewicht.

Die Montage

Da ich seit Jahren tubeless unterwegs bin, ist die Montage des Specialized Butcher mit BLCK DMND Karkasse schnell erledigt. Mit ein wenig Geschick, ist er schnell auf die Felge massiert. Einen kleinen Spalt lasse ich dabei immer offen, um die Milch direkt einzufüllen, danach wird der Reifen komplett auf die Felge gedrückt. Die Kombination aus Specialized Butcher BLCK DMND Reifen und der DT Swiss Felge funktioniert dabei problemlos und ist schnell mit Druck befüllt.

Specialized BLCK DMND
Wir haben von Specialized einen Prototypen des Butcher mit BLCK DMND Karkasse erhalten. Daher noch der Name Butcher Enduro.

Bei den Tire Inserts wird es dann schon interessanter. Der Vittoria Airliner kommt z.B. in Einheitslänge und muss vom Nutzer erst einmal auf die passende Länge gekürzt und danach mit einem Kabelbinder wieder verbunden werden. Dazu wurde der Vittoria Airliner so weit gekürzt, dass er recht straff auf der Felge sitzt, damit er während der Fahrt nicht im Reifen klappert. Die Montage gestaltet sich danach aber nicht schwerer, als wenn man einen Schlauch einzieht. Man setzt also eine Seite des Reifens in die Felge ein, ergänzt den Vittoria Airliner und drückt die zweite Seite des Reifens in die Felge. Bevor der Reifen komplett in die Felge gedrückt wird, wird auch hier die Tubelessmilch eingefüllt. Da der Vittoria Airliner ein sehr großes Volumen besitzt, stützt er den Reifen gut ab und drück ihn nach außen, was in ein kinderleichtes Aufpumpen mit der Standpumpe resultierte.

Vittoria Airliner
Mit ein wenig Geschick gelingt die Montage sogar ohne Reifenheber.

Mit dem Vittoria Airliner auf dem Trail

Der Grund dieses Tests ist wie Eingangs erwähnt eine, durch zu euphorische Fahrweise, deformierte Felge. Auf dieser Felge befand sich ein Specialized Butcher mit Grid Karkasse. Ein sehr gut rollender und leichter Reifen, der mit geringem Luftdruck aber recht wenig Durchschlagschutz bietet. Mit 2 bar versehen ist die Dämpfung leider nicht berauschend und bei ca. 1,8 bar hat sich die letzte Felge in den vorzeitigen Ruhestand verabschiedet. Für ein Trailbike, mit dem man ohnehin nicht so hart durchs Gelände fährt stellt das kein Problem dar und so wäre dort die Kombination aus Butcher Grid mit 1,8 bar meine erste Wahl. Für den Enduro Einsatz reicht es leider nicht aus.

Dank des Volumens des Vittoria Airliner, habe ich diesen Test mit 1,8 bar gestartet, was sich anfänglich sehr gut angefühlt hat. Mit zunehmender Geschwindigkeit wurden die Schläge am Hinterrad härter und beim ersten „Durchschlag“ zucke ich mal wieder mit dem Gedanken die nächste Felge ins Nirvana geschickt zu haben zusammen. Da der Reifen offensichtlich die Luft hält, wird aber weiter draufgehalten bis zum Ende des Trails. Nach dem wilden Ritt wurden als erstes die Felgen untersucht und mit Erstaunen festgestellt, dass weder Milch durch Burping ausgetreten ist, noch dass sich die Felge unfreiwillig verformt hat.

Vittoria Airliner
Das große Volumen des Vittoria Airliner sorgt für eine gute Dämpfung.

Das hohe Volumen und die ausgeklügelte Form des Airliner sorgen dafür, dass sich der Gegenhalt im Reifen langsam aufbaut, was dazu führt, dass der Tire Insert für ordentlich Dämpfung sorgt.
Natürlich wollte ich es wissen und habe den Luftdruck weiter gesenkt. So wirklich gepasst hat es damit aber nicht mehr. So hat sich der Reifen inklusive Einlage bei 1,6 bar in Anliegerkurven etwas undefiniert angefühlt, als würde er über die Felge walken. Der straffe Sitz des Airliner auf der Felge verhindert aber eindrucksvoll das Burping.
Die Notlaufeigenschaften des Vittoria Airliner sind hervorragend. Da der Tire Insert sehr viel Platz im inneren des Reifens einnimmt, ist das Gefühl ohne Luft im Reifen sehr solide. Rennfahrer schaffen damit ziemlich sicher ihre Stage fertig zu fahren und auf der kleinen Hausrunde würde ich vielleicht nicht einmal den Ersatzschlauch auspacken.

Vittoria Airliner
Der Vittoria Airliner hilft den Reifen auf der Felge zu halten, wenn man mal mit etwas mehr Schwung in die Kurve einbiegt.

Sehr positive überrascht war ich über die Lebensdauer des Vittoria Airliner. Trotz einiger Durchschläge und Fahrten mit platten Reifen sind dem Tire Insert nur kleine Blessuren anzusehen. Also durfte er gleich wieder zurück in den Reifen. Getrocknete Tubeless Milch hat den Ausbau zwar ein wenig erschwert, war aber nicht der Rede wert.

Vittoria Airliner
Unzählige, harte Einschläge haben den Airliner ziemlich unbeeindruckt gelassen.

Mit der Specialized BLCK DMND Karkasse auf dem Trail

Der Specialized Butcher mit BLCK DMND Karkasse fühlt sich in der Hand durch sein massives Auftreten schon einmal sehr vertrauenserweckend an. Ohne Erfahrung mit dem neuen Reifen, wurde der Luftdruck erst einmal auf 1,6 bar festgelegt. Beim Start in die erste Tour lässt sich der Reifen nicht spürbar schlechter treten als der leichte Reifen mit seiner Einlage. Ein überraschendes Ergebnis, da ich bei einer massiven Karkasse mit einem zähen Abrollverhalten durch Walken gerechnet hatte.

Bergab zeigt sich das gewohnte Verhalten einer massiven Karkasse mit ordentlicher Dämpfung und Durchschlagschutz. Durch den geringeren Luftdruck als mit der Grid Karkasse kann sich der Reifen besser mit dem Untergrund verzahnen und sorgt für zusätzlichen Grip. Mit einem Luftdruck von 1,6 bar war ich aber bereits am unteren Limit, sodass ich gerade keine Durchschläge mehr kassiert habe. Allerdings hat es den Reifen scheinbar stark genug verformt, dass Milch zwischen Reifen und Felge ausgetreten ist. Merklich Druck hat der Reifen nicht verloren, ist aber ein Pluspunkt für den Tire Insert.

Fazit

Das Pannenschutz Experiment hat einige interessante Resultate hervorgebracht und führt so zu einem geteilten Urteil.
Da das Gewicht der verstärkten Karkasse des Specialized Butcher BLCK DMND und des leichten Reifens mit Durchschlagschutzeinlage auf gleichem Niveau liegen, siegt für mich das sattere Gefühl des stabilen Reifens. Für Hobbyfahrer die gerne durch raues Geläuf bomben, sollte es weiterhin ausreichend sein den Luftdruck anzupassen. Da die Reifeneinlagen zusätzlich ins Geld gehen, werden sie im alltäglichen Gebrauch nicht den Weg in mein Hinterrad finden.
Im Anbetracht eines Rennens würde ich allerdings auf einen doppelten Boden setzen und einen stabilen Reifen inklusive Einlage fahren. Die Geschwindigkeiten und damit die Belastung auf das Material sind im Renntempo doch nochmal einiges höher als im Normalbetrieb. In Kombination mit teils unbekannten Strecken und Sauerstoffmangel im Hirn schleichen sich mehr Fehler ein und man trifft vielleicht nicht immer die sauberste Linie, was schnell zu einem Platten führen kann. Die Notlaufeigenschaften mit komplett platten Reifen kommen hier positiv zum tragen und ermöglichen vielleicht noch das Beenden der jeweiligen Stage.


Text: Thomas Kappel
Bilder: Patrick Frech, Thomas Kappel
Redaktion: Robin Krings
weitere Informationen: Vittoria Airliner, Specialized BLCK DMND

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