Zermatt – kaum jemand dürfte den Namen dieser Alpenmetropole noch nicht gehört haben. Die Schweizer Gemeinde im Kanton Wallis liegt auf knapp 1600 m über dem Meeresspiegel und wird gesäumt von einigen Bergen über 4000 Metern Höhe, unter anderem der höchsten Schweizer Gebirgsgruppe dem Monte Rosa Massiv. Unumstritten ist es jedoch das Matterhorn, welches sich als erhabene Prominenz südwestlich über der Gemeinde erhebt. Wer beim Spaziergang die Dorfstraße hinauf zum ersten Mal diesen prächtigen Berg ins Blickfeld bekommt, wird sicher kurz verweilen um diesen Anblick für einen Moment aufzusaugen. Ganzjährig ist Zermatt Anlaufpunkt für Menschen aus den verschiedensten Nationen – und Sportarten. Neben Europatouristen, welche für ein Selfi vor dem „Horu“ in Scharen einfallen, wird das Bild von Wanderern und Seilschaften geprägt. Zermatt ist autofrei, eine Anfahrt ist nur per Shuttlezug, Bike oder zu Fuß von Täsch aus möglich. Neben sauberer Alpenluft bietet die Metropole einen perfekten Ausgangspunkt für sommerliche Berg-Abenteuer verschiedenster Couleur, im Winter ist es ein Top-Skigebiet. Die beliebteste Unternehmung und gleichzeitig Pflicht, ist eine Fahrt mit der bereits 1898 gebauten Zahnradbahn auf den Gornergrat. Auch Touren mit Übernachtung, zum Beispiel auf der Schönbielhütte (über Zmutt und Höbalmen), sollte auf keiner Bucket List fehlen. Ach ja…. es geht ums Mountainbiken in Zermatt und um den neuen Sunnegga Flowtrail!

Zermatt Velo

Mountainbiken in Zermatt

Trail Tolerance – dies schreibt sich Zermatt auf die Fahne und geht damit einen begrüßenswerten Weg, welchen man hierzulande – oder gar in Österreich – vermissen muss. Prinzipiell ist das Wegenetz für Wanderer und Mountainbiker gleichermaßen geöffnet, wobei es in Hotspots ein paar Reglementierungen gibt. Wo es sinnvoll erscheint sind manche Wege den Wanderern reserviert und zum Ausgleich gibt es spezielle Bikestrecken, wie den neu angelegten Sunegga Flowtrail. Im Rahmen des Traillove Festivals waren wir pünktlich zur Eröffnung des Sunegga Flowtrails Mitte September vor Ort und haben uns die Region einmal näher angeschaut. Nebenbei fand zeitgleich der Enduro Helveti`Cup und ein Rennen der EWS European Continental Enduro Series statt.

Zermatt Mountainbike
Zermatt – unterwegs am Fuße des Matterhorns

Trail, Trails, Trails….

Lieber superflowige Genußabfahrten oder ausgesetzte S3-S4 Trails? In Zermatt kommt nahezu jeder Mountainbiker auf seine Kosten – und an seine Grenzen. Selbst einfache Flowtrails werden bei dem Bergpanorama zum Abenteuer. Prinzipiell kann in Zermatt jeder Höhenmeter selbst erklommen werden, jedoch empfehlen wir dies eher reinen Tourenfahrern. Die Anstiege sind lang und kraftraubend, für uns liegt der Fokus eher auf den Abfahrten. Fast schon obligatorisch ist dabei die Bahnfahrt auf den Gornergrat mit der Abfahrt zum Riffelsee, dem wohl berühmtesten See der Schweizer Alpen.

Mountainbike Zermatt
Der Riffelsee – kaum ein Schweizer Bergsee wird wohl so häufig fotografiert.

Bei morgendlicher Windstille findet man eine fast perfekte Spiegelung des Matterhorns wieder. Doch Achtung – nachdem der Trail vom Grat zum See und noch gut einige Tiefenmeter weiter bergab durchweg flowiger Natur ist, wird das letzte Stück zur Riffelalp steil und ausgesetzt mit großen rutschigen Steinstufen. Trailforks und die Supertrailmap sagen hier etwas anderes – ein Beispiel dafür, dass subjektive Wahrnehmung und Realität nicht immer übereinstimmen müssen. Hier werden mit Sicherheit einige Biker überfordert sein und – genau wie wir – den ein oder anderen Absatz herunter tragen.

Trails Zermatt
Ab hier wird es steil und ruppig, später noch ausgesetzt. Die Alternative führt weiter oben zur Riffelalp.
Warnung: Diese kleinen Alpenbewohner halten nichts von Trail Toleranz! Sympathisch sind sie dennoch :-P

Eine gute Alternative findet man, wenn man sich vom Riffelsee eher wieder nach rechts in Richtung Bahnlinie orientiert und superflowig zwischen Murmeltieren und Schwarznasenschafen gen Tal fährt. Im Übrigen: 2019 wird hier der dritte Flowtrail der Region eröffnet und bietet neben einer Ausweichroute von frequentierten Wanderwegen weg eine gute Möglichkeit, mit Spaß den Berg herunter zu kommen.

Hier muss man sich wirklich bewusst auf den Trail konzentrieren um nicht vor lauter Aussicht zu stürzen.

Ebenfalls angetan hat es uns der Trail vom Grünsee hinunter zum Findelbach, über welchen beim Endurorennen übrigens Stage 2 verlief. Alleine die Traverse herüber von der Riffelalp ist ein Traum, zur Hauptsaison allerdings auch sehr stark von Wanderern frequentiert. Während der Nebensaison Mitte September hatten wir hier meist freie Fahrt. Allerdings wäre Vollgas dennoch völlig deplatziert, denn die herbstlichen Farben haben bereits Einzug gehalten. Rot-gelb-grünes Heidekraut und eifrig wuselnde Eichhörnchen säumen den Weg und verwandeln die Ausfahrt in einen Naturknaller der Extraklasse.

In der Nebensaison und Abends ist man hier meist allein unterwegs.
Wurzelteppiche und Steine laden zum Abspringen und Doublen ein.

Um Interessenskonflikten aus dem Weg zu gehen, empfehlen wir während der Saison die frühen Morgen- oder Abendstunden. Auch hier wird der Trail gegen Ende sehr technisch, sodass wir unten am Bach angekommen, die kurze Auffahrt nach Findeln empfehlen.

Später wird es etwas steiniger und nasse Wurzeln machen sich breit.

Neben einer schönen Einkehrmöglichkeit geht der Trail in Findeln talwärts weiter und teilt sich kurz darauf in zwei Möglichkeiten auf, wobei wir die rechte Variante empfehlen würden. Während eines früheren Aufenthalts in Zermatt stand dort ein Verbotsschild für Mountainbikes, welches jedoch nun verschwunden ist. Mit einer schönen Talsicht schlängelt sich der Trail langsam bergab.

Am Ende des Tages mussten wir uns beeilen, die letzte Bergfahrt in Richtung Schwarzsee zu erreichen. Mit zugedrückten Augen ließ uns der freundliche Gondelbediener auch eine Minute zu spät noch in die Kabine springen und wir konnten mit bester Aussicht aufs Matterhorn die Bergfahrt genießen.

Supertrail Map – unser Wegweiser in Zermatt

Am Ziel angekommen orientierten wir uns als gefühlt einzige Menschen auf dem Berg anhand der Wanderwegschilder in Richtung Tal. Jedoch empfehlen wir die Navigation mittels Supertrailmap, welche es unter anderem für die Region Zermatt gibt. In dieser Karte sind eine riesige Anzahl Trails mit Schwierigkeitsstufen verzeichnet. Auch ob es dabei hoch oder runter geht wird farblich markiert.

Flowiger Trail, atemberaubene Landschaft – Zermatt

Uns erwartete auf dem Trail eine gute Mischung aus flowigen und schnellen Abschnitten, einigen Spitzkehren und erneut eine grandiose Aussicht. Diesmal mit Blick auf Gletscher und Gornergrat.

Mountainbiken in Zermatt
Die Abfahrt aus Richtung Schwarzsee ist eher flowig, hat aber auch ein paar interessante Passagen zu bieten.
Stets vor unglaublicher Kulisse.

Sunegga Flowtrail

Den nächsten und letzten Tag nutzen wir, um den frisch eröffneten Flowtrail von Sunnegga nach Zermatt auszuprobieren. Dieser wurde in gut 1,5 Jahren während der Sommermonate in den Hang gefräst und soll Anfänger und Könner gleichermaßen glücklich machen. Doch was zeichnet einen solchen Trail aus? Sprünge müssen abrollbar, Kurvenradien nicht zu eng sein, und um Bremswellen zu vermeiden darf das Gefälle auch nicht zu extrem ausfallen. Gleichzeitig sollen Fortgeschrittene auf dem Trail glücklich werden. Eine derart breite Zielgruppe abdecken zu wollen, sorgt also für einige Aufgaben. Als positiv empfinden wir, dass nicht etwa ein eingekaufter Trailbauer engagiert wurde. Lokale Trailbauer wurden ausgebildet, sodass immer fachkundiges Personal vor Ort ist und die Streckenpflege damit nachhaltig ausfallen sollte.

Die Sunneggabahn ist der Zubringer zum gleichnamigen Trail

Wir können die Befahrung des frisch geshapten Trails kaum erwarten und begeben uns zur Sunnegga Bahn, einer Standseilbahn, welche komplett im Berg verläuft. Man sieht eindeutig dass man hier auf Touristen eingestellt ist, denn die Bahn ist in der Lage binnen 3 Minuten Fahrzeit bis zu 2550 Personen stündlich auf den Berg zu befördern. Oben angekommen fiel die Orientierung erst etwas schwer – auch andere Medienvertreter schienen nicht so ganz zu wissen wo sie hin sollten. Hier wird es in Kürze Schilder geben welche den richtigen Weg weisen. Nach kurzer gemeinsamer Suche war der Start schnell gefunden und schon ging es los. Was nun folgte waren Anlieger…

Sunnegga Flowtrail
Kurven, Kurven, Kurven auf dem Sunnegga Flowtrail

Auf 5,8 km Fahrstrecke vernichtet der Trail in unzähligen Anliegerkurven knapp über 500 Höhenmeter, bevor die restlichen 3 km auf Asphalt ins Zentrum zurück gerollt werden. Es folgen kleine Anlieger auf große 180° Kehren in die man sich so richtig reinlegen kann. Kurve um Kurve folgt man der Brechsandpiste und wir können uns der Frage nicht gänzlich verwehren, ob noch etwas anderes kommt außer…. Kurven.

Mountainbuiken in Zermatt
Der Sunnegga Flowtrail ist ein Anliegerparadies

Es gibt ein paar kleinere und größere Wellen die man als Absprung nutzen kann, aber wer wirklich Airtime sucht ist hier nicht richtig. Zweifelsohne ist der Trail sehr gut gebaut, aber auf derartiger Streckenlänge wünschten wir uns persönlich etwas mehr Abwechslung.

Vorstellbar ist eine zweite Linie welche hin und wieder vom Trail abzweigt, auf einen Sprung oder ein anderes Obstacle führt, und sich dann wieder mit der Hauptlinie trifft. Wir können das Argument verstehen, dass Anfänger durch derartige Strecken an den Sport herangeführt werden sollen. Allerdings fehlt unserer Meinung nach die Steigerungsmöglichkeit und das Fahren auf natürlichem Boden mit Wurzeln und Steinen ist dann noch einmal etwas ganz anderes.

Ein paar Bodenwellen laden zum scrubben…
…oder „manualisieren“ ein.

Wir möchten jedoch nicht wirklich meckern und sind froh, dass Zermatt diesen Trail geschaffen hat. Persönlich ziehen wir allerdings andere Strecken vor, welche es in der Gegend beinahe im Überfluss gibt. Übrigens: Der Flowtrail „Moos Trail“ von Furi nach Zermatt ist ähnlich angelegt und verfügt über ein paar kleinere Tables, ist aber erheblich kürzer und abwechslungsreicher. Dieser hat uns besser gefallen.

Möglichkeiten zum Abziehen gibt es sehr wenige.

EWS European Continental Enduro Series und Enduro Helveti`Cup

Wir möchten euch an der Stelle keinen Rennbericht liefern, sondern beschränken uns auf einige Impressionen des Rennens und der Region. Es gibt bekanntlich einige Rennformate im alpinen Raum, aber sicher kein zweites vor derartiger Kulisse…. oder doch? Denn 2019 kommt die EWS nach Zermatt und wir werden sicher vor Ort sein.

Die vier Stages empfanden wir teilweise als „knackig“, was sich auch in der Meinung einiger Fahrer wiederspiegelte. Zermatt kann also alles – vom Sunnegga Flowtrail bis zum EWS-tauglichen Gelände!

Auch die „Prominenz“ hat es nach Zermatt geschafft. Diesmal ist Tracy Moseley ausser Konkurrenz unterwegs.
Caro Gehrig auf dem Weg zum 3. Platz, ihre Schwester Anita war um einen Platz schneller.
Immer wieder tolle Ausblicke. Ob man beim Rennen fahren Zeit dafür hat? Eher nicht…
Stage 3 lag vollständig oberhalb der Baumgrenze und teilweise über riesige Steinplatten.
Stage 3: Nach einem anstregenden Kampf über Steinplatten und Geröll kamen auch flowige Passagen. Den Ausblick auf Gornergrat, Gornergratbahn- und Gletscher konnten wohl nur die Zuschauer genießen.

Bergbahnen, Übernachtung und Infrastruktur

Der erste Blick auf die Preise der Bergbahnen lässt den geneigten Urlauber erschaudern. Ganze 128 Franken rufen die Zermatter Bergbahnen für die Eintagesversion des Bikepasses in der Hauptsaison auf. In der Nebensaison (Mai-Juni & September-Oktober) sind es noch immer 115 Franken. Das Ganze relativiert sich schnell wenn man sich entscheidet, für mehrere Tage in der Region zu bleiben. 3 Tage Bikepass Zermatt liegt in der Nebensaison bei 151 Franken ( ~135 Euro). Dieses Ticket gilt für die Bergbahnen auf Sunnegga/Rothorn, die Gornergratbahn und die Bahn über Furi zum Schwarzsee. Damit können eigentlich alle nennenswerten Trails abgedeckt werden.

Man ist auf Biker eingestellt: In der Gornergratbahn gibt es sogar extra Vorrichtungen für Mountainbikes… ähh… Velos

Der Zermatt Bikepass ist für alle die ideal, welche in Zermatt eine der vielen Unterkünfte gebucht haben. Wohnt man jedoch außerhalb von Zermatt, zum Beispiel auf dem Campingplatz in Täsch, wird theoretisch täglich zumindest One-Way (weil bergauf) die Gebühr von 8,20 Franken für den Täsch-Zermatt Shuttlezug fällig. Eine weitere Option ist daher der Zermatt Peak Pass zu 198 Franken für drei Tage in der Nebensaison. Der Shuttlezug ist darin enthalten und zusätzlich kann man auf das kleine Matterhorn fahren und seinem großen Bruder verdammt nahe sein.

Weitere Informationen zu den Tarifen gibt es hier:

https://www.matterhornparadise.ch/de/sommer/tickets-tarife-sommer/peak-pass
https://www.matterhornparadise.ch/de/sommer/biken/biketickets

Für den Zermatt Aufenthalt empfehlen wir den Campingplatz „Alphubel“ in Täsch. Die Preise für die Übernachtungen sind fair und die sanitären Anlagen gehen mehr als in Ordnung. Dusche ohne zeitliche Begrenzung und im Preis inkludiert – in der Schweiz eher die angenehme Ausnahme. Binnen 2 Minuten ist man mit dem Bike am Bahnhof und dann innerhalb 12 Minuten in Zermatt. Einen kleinen Supermarkt für den täglichen Bedarf gibt es in Laufreichweite. Wer kein Zelt oder Wohnmobil/Bus hat, kann zum guten Kurs im Matratzenlager nächtigen.

https://www.campingtaesch.ch/sites/de/

Camping Alphubel in Täsch – unsere Empfehlung

Generell ist anzumerken, dass Zermatt selbst für Schweizer Verhältnisse nicht unbedingt günstig ist. Eine (kleine) Kugel Eis bekommt man für 3-4 Franken. Ein Abendessen im Restaurant zu zweit schlägt ohne über die Stränge zu schlagen mit locker 60-70 Franken zu Buche. Ein Fahrradschlauch wurde uns im hiesigen Bikeshop für 19 Franken angeboten und Scheibenbremsbeläge (Shimano Zee ohne Belüftung) kosteten knapp 40 Franken! Ein Bierchen nach dem Biken gewünscht? 6 Franken im Restaurant. Da bekommt das Dosenbier aus dem Supermarkt eine neue Bedeutung. Wir empfehlen: Feldschlösschen.

Im Schatten des Matterhorns – Zermatt

Welches Bike nehme ich mit?

Wir empfehlen ganz klar ein Enduro, Trailbike oder ähnliches mit 150-170 mm Federweg. Es geht nicht nur bergab und einige Passagen möchten auch aus eigener Kraft bezwungen werden. Ein Downhillbike sollte man daheim lassen. Wir waren mit dem Santa Cruz Nomad und einem Pivot Firebird sehr gut ausgerüstet.

Ein Enduro Bike darf es schon sein!

Fazit

Zermatt ist uns immer eine Reise wert und wer einmal dort war wird schnell süchtig und wiederkommen. Die natürlichen Trails suchen ihresgleichen und die Kulisse ist der Wahnsinn. Der neue Sunnegga Flowtrail hat für uns allerdings Ausbaupotenzial. Zermatt eignet sich nicht nur zum Mountainbiken, sondern ist ebenfalls ein Top Spot für Wanderungen und alpine Hochtouren. Wir hoffen, dass sich die Philosophie „Trail Tolerance“ bewährt und auch in anderen Regionen Einzug findet. Der Aufenthalt ist nicht unbedingt günstig, aber wenn man sich drauf einstellt und vorbereitet hat man eine sehr tolle Zeit in einer einzigartigen Umgebung. Ersatzteile sollte man besser von zu Hause mitnehmen und die Preise im Supermarkt für Lebensmittel passen auch zu kleinerem Budget. Man erreicht Zermatt am besten über Basel und den Lötschbergtunnel ab Kandersteg.


Text: Thorsten Illhardt & Mina Illhardt
Fotos: Mina & Thorsten Illhardt
Fahrer Sunnegga Trail: Christian Vollmer, Bixs Bikes Schweiz

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