Für viele Fahrer ist das Fahrwerk-Setup nach wie vor ein undurchsichtiges Thema. Einmal eingestellt, wird es i.d.R. selten oder nie wieder verändert und unter Umständen nicht das gesamte Performance Potenzial der Federelemente genutzt. Während World Cup Athleten durch Techniker der jeweiligen Hersteller unterstützt werden, greifen Hobby Athleten auf Basetunes, Tuning-Field-Guides und das geballte Wissen des Internets zurück. Auch wenn die Hersteller sich mit der Erklärung ihrer Federelemente sehr viel Mühe geben, holen viele Athleten nicht das Optimum aus ihrem Fahrwerk heraus. Die Firma Quarq hat sich dem Thema angenommen und geht es digital mit dem – als Kickstart gestartetem – Projekt ShockWiz an. Was der digitale Techniker den Athleten bietet, klärt unser Test.

ShockWiz
ShockWiz – Kleiner Kasten, große Wirkung?

Erstkontakt mit dem ShockWiz

Der ShockWiz ist ein kleiner, wasserdichter und stoßfester Kasten, in dessen Inneren sich ein hochempfindlicher Drucksensor und ein Mikroprozessor befinden. Über ein Schrader-Ventil wird der ShokWiz an das Ventil der Positiv-Luftkammer des Federelements angeschlossen. Während der Fahrt misst der Drucksensor 100 Mal in der Sekunde die Veränderungen des Luftdrucks und kann so, über einen ausgeklügelten Algorithmus, Effekte wie unkontrolliertes Ausfedern nach einem starken Stoß (Pogo), nicht schnell genug ausfedernde Federung (Packing) oder Wippen und Verspringen identifizieren. Anhand der Häufigkeit ihres Auftretens, werden die Effekte klassifiziert. Tritt ein Effekt permanent oder zu häufig auf, berechnet der ShockWiz eine passende Einstellung aus Luftdruck, Kompression, Zugstufe und Druckstufe, welche in einer Smartphone App abgerufen werden kann.

ShockWiz
Eine Seite des ShockWiz wird an das Federelement angeschlossen und über die andere kann der Luftdruck reguliert werden.

2016 hat SRAM das Potenzial von ShockWiz erkannt und das Projekt gekauft. Damit ist SRAMs jahrelange Erfahrung in Sachen Entwicklung und Race-Support für Federelemente in ShockWiz eingeflossen. Zielgruppe ist jeder Radsportler, egal ob Rennsport oder Hobby Athlet, egal ob viel oder wenig Federweg und ganz wichtig egal von welchem Hersteller die Federelemente kommen.

ShockWiz Montage

Im Lieferumfang befinden sich neben dem ShockWiz selbst ein kurzer und ein langer Hochdruck-Schlauch, das Gummigehäuse und zwei Kabelbinder. Nachdem das Gummigehäuse angelegt ist, wird der ShockWiz am Federelement befestigt. Dabei ist darauf zu achten, dass er dem Federelement nicht im Weg steht. Mit dem entsprechenden Schlauch wird der ShockWiz am Ventil der Luftkammer angeschlossen und fertig ist die Montage.

Zur Dämpfermontage liegt ein kurzer Hoch-Druckschlauch bei.
Zur Dämpfermontage liegt ein kurzer Hoch-Druckschlauch bei.

App Installation, Kopplung des ShockWiz und Kalibrierung

Die kostenlose ShockWiz App ist in den Appstores für sowohl Apple, als auch für Android Smartphones verfügbar. Nach der Installation muss der ShockWiz gekoppelt werden, was bei aktivierter Bluetooth Verbindung mit einem Druck auf „Verbinden“ sofort funktioniert.

Vor der ersten Verwendung muss der ShokWiz auf das Federelement kalibriert werden. Dies ist wichtig, da jedes Federelement ein anderes Kompressionsverhältnis hat. Wenn dieses bekannt ist, kann es auch direkt eingegeben, andernfalls muss die Kalibrierung vorgenommen werden. Als Ausgangsbasis für die Messung dient der empfohlene Luftdruck des Herstellers, in unserem Fall 90 PSI. Der ShockWiz kann die Änderungen an den Einstellungen anhand verschiedener Profile berechnen, ausgewogen, sportlich oder Benutzerdefiniert. Der Info-Button klärt über die einzelnen Modi und verschiedenen Einstelloptionen auf, wir haben uns für das Profil „sportlich“ entschieden.

Fahrwerkanalyse

Nachdem der ShockWiz kalibriert ist kann es auf den Trail oder die Strecke gehen. Der ShockWiz sammelt während der Fahrt alle notwendigen Daten und speichert sie intern ab. Es muss also nicht die ganze Zeit das Smartphone in Reichweite sein, sondern kann in der Werkstatt oder dem Fahrerlager zum Abruf der Daten verbunden werden.

Das Smartphone kann zur Auswertung auch im Fahrerlager bleiben.

Wer möchte, kann natürlich schon auf dem Trail erste Diagnosewerte und Empfehlungen abrufen. Einige Diagnosen benötigen jedoch mehr Messwerte, was mit der Information „Nicht genügend Daten“ angezeigt wird. In diesem Fall heißt es weiterfahren.

Da heißt es weiter fahren, fahren, fahren….

Auswertung und Anpassung

Um reproduzierbare Ergebnisse zu erzielen haben wir mehrere Läufe auf der gleichen Teststrecke absolviert. Es handelte sich dabei um eine schnelle Abfahrt mit Wurzeln, Rinnen, Fels, Matsch, schnellen Kurven ohne Anlieger und ohne Drops.

Die Teststrecke (ein Teil davon).

Während der Test Session dürfen natürlich keine Climb Switches oder Lockouts zugeschaltet werden. Der ShockWiz würde dies als Fahreindruck registrieren und die Messwerte verfälschen. Nach unserer ersten Runde hat der ShockWiz folgende Ergebnisse und Vorschläge ermittelt:

Die Diagnoseergebnisse decken sich mit unserem Gefühl. Der erste Vorschlag war die Reduzierung des Luftdrucks um 5 %. Da sich mit einem neuen Luftdruck alle Messergebnisse deutlich verschieben werden, haben wir ausschließlich diesen auf 85,5 PSI reduziert und eine weitere Messfahrt gemacht. Wie erwartet haben sich alle Messergebnisse deutlich geändert und auch wenn alle das Resultat OK hatten, gab der ShockWiz uns weitere Empfehlungen zur Optimierung.

Da auf unserer Teststrecke keine Drops, Tables oder andere Elemente vorhanden sind, bei denen viel Federweg in kurzer Zeit vernichtet wird, schlägt der ShockWiz folgerichtig die Reduzierung der Highspeed Druckstufe und des Durchschlagwiderstands vor. Bei unserem Testbike handelt es sich aber um ein Enduro, welches auch auf Enduro Touren eingesetzt wird. Daher haben wir vorerst ausschließlich die Lowspeed-Druckstufe gemäß der ShockWiz Empfehlung verstellt. Auf der anschließenden Testrunde war unsere Federgabel deutlich feinfühliger und wir hatten mehr Ruhe im Lenker, ohne dabei das Gefühl zu haben beim Bremsen zu stark einzusacken. Auch nach ein paar weiteren Testläufen änderten sich die Empfehlungen nicht.

Im nächsten Schritt haben wir den ShockWiz während einer unserer Abendrunden mitlaufen lassen. Am Gros der Empfehlungen hat sich nichts geändert und da es auf unseren Touren Drops und kleine Tables gibt, war der ShockWiz nun auch mit der Higspeed-Druckstufe und dem Durchschlagwiderstand einverstanden. In unserem Testrad steckt ein Cane Creek Double Barrel Air CS, mit voller Einstellbarkeit (Low- und Highspeed-Druck- und Zugstufen sowie Token zur Anpassung des Durchschlagwiderstands). Genau wie bei der Federgabel beginnt die Einstellprozedur mit dem Kalibrieren und dem Basetune des Herstellers.

Dämpfer kalibrieren.

Gerade beim Dämpfer ist darauf zu achten, dass der ShockWiz nicht im Weg ist. An unserem Banshee Rune V2 war das kein Problem, an Bikes wo der Dämpfer durch das Sitzrohr geführt wird oder mit aufwendigen Umlenkhebeln, kann die Montage schwer bis unmöglich werden. Dies sollte vor dem Kauf bedacht werden.

Genau wie bei der Federgabel sind wir Schritt für Schritt vorgegangen. Nach dem ersten Lauf haben wir den Luftdruck entsprechend der Empfehlung angepasst und sind danach die nächsten Läufe gefahren. Nun haben wir die weiteren Empfehlungen umgesetzt und uns so dem für uns passenden Setup genähert.

Nachdem wir unser Setup gefunden hatten, war es ein ganz anderes Bike. Früher haben wir ein sehr konservatives Setup mit Reserven für Fehler gewählt, bei dem wir nach einer Tour stets 10 – 15 mm Restfederweg an der Gabel und ca. 5 mm am Dämpfer über hatten. Nach der Optimierung mit dem ShockWiz haben wir den Federweg auf unseren Touren komplett genutzt, das Bike lag deutlich ruhiger, was viel mehr Kontrolle gebracht hat. Für unsere Touren haben wir so das perfekte Setup gefunden. Auf eine Reserve haben wir nun verzichtet, da der ShockWiz ja während unserer Touren den ein oder anderen Fehler registriert und die Empfehlungen entsprechend ausgegeben hat. Übertragen auf ein Downhill-Bike hat der Athlet so die Möglichkeit binnen weniger Abfahrten sein Fahrwerk perfekt auf die jeweilige Strecke anzupassen, egal ob im Hobby oder im Rennsport.

Fazit

Kleiner Kasten, große Wirkung, auch im Preis. Mit 329,- $ unverbindlicher Preisempfehlung (ab ca. 329,- € in deutschen Shops) ist der ShockWiz gewiss kein Schnäppchen. Uns hat er trotz des Preises komplett überzeugt. Auch wenn wir dank unserer jahrelangen Erfahrung keine Scheu vor dem Fahrwerkssetup haben, hat uns das Setup nach ShockWiz Empfehlungen „weiter gebracht“. Nach dem Tuning nutzten wir auf unserem Einsatzgebiet den kompletten Federweg und hatten mehr Kontrolle auf dem Bike.

Für den Downhillsportler eröffnet sich so die Möglichkeit für jede Strecke sehr schnell das perfekte Setup zu finden. Gerade im Rennsport zählt jede Sekunde, unserer Meinung nach kann der ShockWiz helfen Diese zu finden.


Text und Fotos: Michael Klasen
Redaktion: Robin Krings

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